Einkaufen in Tbilisi

Ich bin immer noch nicht weitergekommen mit der Frage nach der Schönheit unserer momentanen Heimatstadt.

Heute zeige ich Euch ein paar Ecken, wo man in Tbilisi einkaufen gehen kann. Wir haben auf der einen Seite diese riesigen Shoppingcenter wie Tbilisi Mall im Norden, die Galleria mitten in der Stadt und Eastpoint in der Nähe des Flughafens. Hier findet man die ganz normalen mitteleuropäischen Ketten, wie H&M, OVS, Zara oder Jysk. Damit hat es sich allerdings mit den uns bekannten Ketten. Die grösste Auswahl im Lebensmittelsektor auf westlichem Niveau bietet Carrefour – ursprünglich französisch.

Im Textilsektor gibt es in den Malls ein grosses Angebot aus der Türkei, das auch qualitativ recht ordentlich ist. Die Angebote bei H&M sowie OVS sind qualitativ wohl der Ausschuss aus unseren Breiten, aber vergleichsweise noch vertretbar, solange die Kinder wachsen. Es gibt quasi keine natürlichen Textilien aus Baumwolle, Wolle oder Seide – zumindest habe ich noch nichts gefunden. In jeder Mall gibt es auch eine ganze Reihe von Geschäften, die eine interessante Auswahl an Kleiderkreationen georgischer Modedesigner verkaufen. So sieht man auf der Strasse auch immer wieder Nähereien. Die angebotenen Kreationen sind teilweise ziemlich gewagt und leider fühlen sie sich meist aus nicht viel besser an, als die Stangenware bei H&M. Oft sind die Fäden nicht abgeschnitten, die Nähte wirken unsauber und die Stoffe oft flimsig. Es zeigt sich einmal mehr dieser Eindruck, dass gute Ideen da sind, ausgeführt werden, aber dann kurz vor der Fertigstellung aufgegeben werden und halt nicht ganz fertig trotzdem verkauft werden. Vielleicht sind auch einige der Geschäfte einfach osteuropäische Ketten, die wir nicht kennen.

Dann gibt es hier die grossen Märkte. Besonders am Stationsquare erstrecken sich die kleinen Verkaufsstände gefühlt über ein quadratkilometer grosses Labyrinth. Hier bekommt man alles. Man braucht Geduld und Mut, sich in dieses Getümmel zu stürzen, wird aber immer mal wieder mit wahren Schmuckstücken belohnt.

Auf der einen Seite wirken diese „Marktgebiete“ total chaotisch aber mit der Zeit kommt man dahinter, dass sich Kleideranbieter, Spielzeugläden, Obst und Gemüsehändler jeweils an einem Ort sammeln. Das bewirkt, dass man etwa unter einem Dach nichts als Tomaten bekommt, um die nächste Ecke nichts als Klopapier und für Waschmittel geht man noch eine Gasse weiter. Es gibt auch keine Preisunterschiede bei den Anbietern, sodass es einfach dem Zufall überlassen bleibt, wer von den Inhabern nun das Geschäft mit einem macht. Die Läden selbst präsentieren ihre Waren einfach in einem riesigen Chaos ohne Sinn und Verstand.

Was wirklich cool ist, ist, dass man eigentlich alle Produkte, die als Schüttware verkaufbar wären auch als solche bekommen kann – also Nudeln, Mehl, Zucker, Salz ebenso wie Nüsse, Bohnen, Linsen, Trockenfrüchte und Waschmittel werden in riesigen Eimern zur Verfügung gestellt und per Schaufel in Tüten gefüllt und abgewogen. Dies ist sowohl auf den Märkten als auch im Supermarkt Gang und Gäbe. Unschön wird das nur, wenn die Eimer nicht geschlossen sind und ein paar Kinder meinen, mit ihren verrotzten Fingern im Mehl Sandburgen bauen zu müssen. Da greift man dann doch lieber auf die bewährte Abfüllung zurück…

Dörrobst in allen Varianten

Auch der Umgang mit Fleischwaren ist hier sehr viel lockerer. Gleich am Eingang zum Lebensmittelmarktgebiet ist eine Fleischzeile. Hier werden ganze Hühner präsentiert, man kann Schweinefüsse kaufen, Leber liegt offen auf dem Tisch und Schweineköpfe lächeln einen (un)glücklich an – die werden auch manchmal noch ganz liebevoll von ihren Anbietern rasiert. Die Qualität wird direkt vom Kunden mit dem Finger getestet, eine Kühlung ist nur in den seltensten Fällen vorhanden. Fische schwimmen im Aquarium im Hintergrund und werden auf Anfrage eben „geangelt“. Man riecht absolut nichts. Ich habe mich trotzdem noch nicht getraut, hier Fleisch zu kaufen.

Der Fleischverkauf im Supermarkt gestaltet sich auch anders als bei uns. Man sieht direkt in die „Fleischküche“, wo Rinder- und Schweinehälften von der Decke baumeln. Durch das Einteilen der Fleischstücke vor den Augen der Kundschaft, sieht man tatsächlich einmal die Arbeit, die dahinter steckt. Alles Fleisch schmeckt hier intensiver, was sicher auch daran liegt, dass das Vieh kleiner ist und man den Kühen und Schweinen gerne auch auf der Strasse begegnet, statt in grossen Bauernhöfen oder Zuchtbetrieben.

Unvergorene Milchprodukte sind vergleichsweise sehr teuer und der Genuss von Milch eher unüblich. Vergorene Milchprodukte sind dann wieder eher finanzierbar, was sicher daran liegt, dass man davon ausgeht, dass Joghurt, Kefir und Konsorten hier in der Gegend erstmals aufgetaucht sind und damit traditionelle Lebensmittel darstellen.

Und dann gibt es noch massenweise kleine Verkaufsläden überall in der Stadt verteilt. Von Blumen über Obst und Kleidern bis traditionelle Süssigkeiten findet man hier eine buchstäblich bunte Auswahl an Köstlichkeiten.

Erster Ausflug

Einen ersten Ausflug in die Stadt unternahmen wir schon am 2. Tag hier. Ein kurzes Kennenlernen und eine Orientierungshilfe sollte es werden. Tbilisi liegt in einem Tal entlang des Flusses Kura und bildet immer wieder Auswüchse weg vom Tal auf die umgebenden Anhöhen wie Arme.

Wir erreichten Tbilisi von Norden her. Dies war uns nicht klar und da wir uns auf alles andere konzentrieren mussten, ist uns das Gefühl für die Himmelsrichtungen hier vermutlich in diesem Moment verloren gegangen. Will heissen: Ulrich bekommt seine Orientierung so langsam und durch ständiges Üben wieder in den Griff und ich habe aufgegeben, mir die geographische Lage dieser Stadt vorzustellen. Ein sehr seltsames Gefühl, wenn man nicht mehr weiss wierum man auf der Erde steht. Inzwischen weiss ich, dass sehr viele Menschen, die von ausserhalb nach Tbilisi reisen, das gleiche Problem haben. Für diese paar Monate werde ich mich wohl wieder an Landmarken orientieren müssen, anstatt mein Gefühl für allgemeine Richtungen nutzen zu können.

Nun unser erster Ausflug: Wie schon in Budapest entscheiden wir uns für die Hop-on-Hop-off-Variante. Den Skoda dürfen wir beim Büro von Georgia Insight stehen lassen und machen uns also erst einmal zu Fuss auf den Weg. Voll und wuselig ist dieser und das obwohl Sonntag ist.

Man sieht – schon unser erster Ausflug ist geprägt von spannender und widersprüchlicher Geschichte. Natürlich sehen wir vom Bus aus nur die schönene Seiten der georgischen Hauptstadt, aber da wir das Glück haben, dass die Führung vom Band nicht funktioniert, bekommen wir quasi einen Privatführer, den wir auch mit eigenen Fragen löchern können.

Lomisa

Gut ausgeruht nach einer wie erwartet ruhigen und dunklen Nacht macht sich die Hälfte unserer Reisegesellschaft auf den Weg zum Kloster Lomisa in der Region Mskheta, das uns als sensationeller und sehr besonderer Ort von einer freundlichen jungen Dame empfohlen wurde. Sie war es auch, die uns durch ihre Übersetzungskünste den Kontakt mit den ortsansässigen Priestern ermöglichte, die uns wiederum prompt eine Flasche hauseigenen Weines schenkten. Wir sind richtig beschämt, dass wir in der Hektik unserer Abreise vergessen haben, ein oder zwei Gastgeschenke auf Vorrat einzupacken.

Also los geht’s. Durch einen wunderbaren klaren Herbstmorgen machen wir uns an den Aufstieg zum Kloster. Die ersten 300 Höhenmeter legen wir auf einem wunderschönen Waldweg durch raschelndes Laub zurück und erreichen dann kurz oberhalb der Baumgrenze den ersten Aussichtspunkt, der mit einer Art kleinem Altar mit Kreuz als Gebetsort markiert ist.

Wir ziehen weiter bis hinauf zum Kloster. Hier leben drei Mönche ganzjährig, die aber auch regelmässig den Abstieg ins Tal auf sich nehmen, um die Versorgung mit Lebensmitteln zu gewährleisten. Ausserdem scheint es Tradition für die allgegenwärtigen Pilger zu sein, jeweils ein Stück Brennholz den Berg hinauf zu tragen.

Obwohl wir sowohl das Kloster als auch den Weg dorthin mit nur wenigen weiteren Wanderern erleben durften, scheint Lomisa eigentlich eine ziemlich wichtige Niederlassung der Orthodoxen Kirche zu sein. Auf jeden Fall drängt sich uns dieser Eindruck auf, wenn wir im Nachhinein etwas über die Geschichte und die Kirche recherchieren, bzw. Freunden von unserem Ausflug erzählen. Was uns ebenso nicht klar war: Wir befinden uns oben bei dem Kloster genau auf der umstrittenen Grenze zu Südossetien.

Der Ort selbst ist unheimlich friedlich und strahlt irgendwie eine grosse Würde aus. Das zugehörige Kirchlein ist sehr eng und karg aber mit unglaublich vielen Ikonen geschmückt, die Wanderer/ Pilger hier herauf bringen. Auch wenn wir statt der erwarteten 400 Höhenmeter schlussendlich etwas mehr als 700 hinter uns gebracht haben, war der Ausflug jeden Meter wert. Die Ausstrahlung dieses Ortes ist einfach zauberhaft.

Kazbegi – Stepanzminda

Wir haben Besuch aus Deutschland! Für zwei Wochen besucht uns meine Schwiegwerfamilie aus Nordrhein-Westphalen. Am Ende der ersten Woche machen wir uns mit zwei Wohnmobilen auf den Weg nach Stepanzminda in der Region Kazbegi. Unter grossem Chaos bestücken wir unseres sowie das grössere der beiden Wohnmobile von Georgia Insight mit allen Notwendigkeiten und machen uns gegen 15:00 auf den Weg nach Norden. Stepanzminda erreichen wir leider erst im Dunkeln und unseren Stellplatz finden wir mitten im Ort, da wo früher angeblich mal ein Zeltplatz war. Jetzt ist dort ein unbefestiger aber sehr hübscher Wald-Park, der sich ziemlich gut eignet, eine Nacht im WoMo zu verbringen.

Unser heutiges Ziel ist der Besuch der kleinen Kirche, die man auf dem ersten Bild unten sieht. Da es bis dorthin immerhin gut 400 Höhenmeter und etwa 4 km sind, ist die Kirche wohl nicht so ganz klein. Alle, die wir nicht gerade fusskrank oder lustlos sind, machen wir uns also auf den Weg nach oben, während die Schmerzgeplagten mit dem Taxi fahren, um uns dort zu erwarten. Dieser Plan geht leider nicht auf, da der Taxifahrer der Ansicht ist, dass 10 min Kirchbesichtigung reichen und man dann besser wieder runterfährt, damit man die nächsten Gäste abzocken kann. Schade.

Uns bleibt leider auch nur begrenzt Zeit die wirklich schöne Kirchenanlage zu erforschen und die sensationelle Aussicht zu geniessen bis uns ein scheinbar dramatischer Wetterumschwung in Richtung des Kazbek zwingt, ebenfalls den Abstieg anzutreten. Da Lotte ungeeignetes Schuhwerk trägt, wage ich mich barfuss auf den Abstieg und bin wirklich erstaunt und begeistert, was ein Paar Füsse so alles aushält.

Unten angekommen werden die WoMos startklar gemacht und wir treten die Heimreise an. Einmal mehr werden wir diese mit einer weiteren Nacht in der Wildnis verlängern und einmal nachsehen, wo in Georgien schöne Pätze für eine Nacht im Camper zu finden sind. Das ist nämlich einfach das schönste am Reisen mit dem Wohnmobil: Wo es schön ist, kann man hier einfach bleiben. Ist Zivilisation drumherum, kommt man immer wieder in Kontak, weil die Mobile doch eher noch eine Ausnahme darstellen und wenn nicht, umgibt einen herrliche Dunkelheit und Stille.

Ist Tbilisi eine schöne Stadt?

Diese Frage hat mir heute mein Freund Christian gestellt. Per Whatsapp. Da ist mir die Anwort zu lang. Ich habe mich entschlossen einfach eine neue Kategorie in unserem Blog zu eröffnen und Stück für Stück darauf zu antworten. Tbilisi ist wunderschön und potthässlich.

Mein erster Eindruck von Tibilisi war Stress pur. Wir hatten eine lange Fahrt hinter uns und sind genau im Feierabendverkehr in der Dämmerung in dieser Stadt angekommen. Ulrich vorneweg, ich mit dem WoMo hinterher. Der Verkehr dicht, die Fahrweise mehr als chaotisch und rücksichtslos und eine der ersten Aktionen eine Spitzkehre nach rechts und etwa 12% Steigung… Bäh!

Durch realsozialistisch anmutende, heruntergekommene Hochhaussiedlungen, die auf riesige Armut schliessen lassen, führt uns das Navi zu dem neu entstehenden Stadtteil Agaraki – im Moment noch mehr Wiese mit ein paar Häusern drauf aber ganz eindeutig im Begriff ein neuer Stadtteil zu werden – für eine eher reichere Klientel. Den Zustand der Strasse könnte man wiederum vorsichtig so beschreiben, dass die dicken SUV’s derer, die sich das leisten können, hier fast Sinn machen.

Bevor wir in diesem Moloch eine Unterkunft für die nächsten Monate finden, dürfen wir einige Tage Schonfrist knapp ausserhalb geniessen. Unsere ersten Vorstösse machen wir von hier aus.

Ich versuche jetzt einfach, meine/ unsere Erlebnisse so Stück für Stück zu erzählen. Ich denke, ich muss hier auf zwei Ebenen erzählen. Eine Ebene sind die „touristischen“ Eindrücke, die wir aus dem Erkunden der Sehenswürdigkeiten in Tbilisi gewinnen und die zweite Ebene ein „normales“ Leben, dass sich für uns aus dem langen Aufenthalt ergibt.

Wir sind jetzt seit über einem Monat in Tbilisi. Eigentlich eine Schande, dass ich nicht schon angefangen haben, Euch von unserem Aufenthalt zu berichten. Also legen wir los…

Weinernte in Kachetien

Heute ist ein besonderer Tag. In Georgien wird der letzte Erntetag gefeiert und wir sind zu Gias Familie nach Jimiti eingeladen worden, dort bei der Weinernte zu helfen und anschliessend am traditionellen Festmahl teilzunehmen.

Früh um 8:30 geht es auf nach Kachtien. Nach ca. 80 km biegen wir von der Hauptverbindungsstrasse direkt in den Acker ab.

Das Herbsten ist wie in Fischingen vor einigen Jahren noch. Eine bunte Truppe trifft sich mit Eimern, Küchenmessern und Rosenscheren und unter viel Gelächter, flappsigen Sprüchen und klebrigen Händen werden die prallen Trauben vom Stock geschnitten. Einziger Unterschied: Es ist trocken, warm und eben im Gegensatz zu matschig, kühl und steil…

Süss und prall und sonnengewärmt…

Nach immerhin einer halben Stunde werden wir zum ersten Piknik gebeten. Es gibt dieses wunderbare Steinofenbrot, Eier, Käse, Wurst, Tomaten, Hackfleischbällchen, Bohnensalat und gebratene Kartoffeln, dazu Wasser und Chachcha (ein Traubenschnaps). Ein schöner Brauch ist hier, dass man jedesmal bevor man einen Schluck Alkohol trinkt einen kurzen Dank sagt.

Frisch gestärkt ernten wir die nächsten zwei Stunden lang Trauben und fahren dann zu Gias Eltern auf den Hof. Die elektrische Maischmühle hat etwas Startschwierigkeiten, sodass wir erst noch einen Spaziergang zum nahegelegenen St. Georgs Kirchlein und geniessen die Aussicht über die Kachetische Ebene.

Die Kirche war ursprünglich das Ortszentrum bis die Dorfbewohner mehr oder weniger freiwillig dazu bewogen wurden ins Tal zu ziehen. Nun ist die Wiese, wo das ehemalige Jimiti stand mit kleinen Hütten übersäht. Diese erklären sich folgendermassen: Der Weinkeller jeder Familie ist das Herzstück des Hauses, so wie ihr Wein auch eine Art Visitenkarte darstellt. Gelagert wird der Wein in sogenannten Qvevri (grosse Tonamphoren), die für die Temperatur- und Feuchtigkeitsregulierung in die Erde eingelassen werden. Einer dieser Qvevri ist heilig. Dieser heilige Qvevri wurde nun vor Ort belassen, verschlossen und markiert so das ursprüngliche Haus seiner Familie. In jüngster Vergangenheit sind nun mehr und mehr Bewohner von Jimiti dazu übergegangen, diesen Qvevris wieder ein zu Hause zu errichten und sie teilweise angeblich sogar wieder mit Wein zu bestücken. Es ist so auch offiziell erlaubt, sich aus einem gefüllten Qvevri mit Wein zu bedienen.

Zurück auf dem Hof werden wir wiederum zwei Stunden später verköstigt. Das Essen ist wieder eine Gelegenheit sich sauber zu blamieren. In Georgien läuft das so ab: Man kommt an den reich gedeckten Tisch und isst los. So ungefähr gleichzeitig, aber einfach, wenn man sitzt. Wasser darf man auch trinken. Dann wird Wein ausgeschenkt und jetzt wird es kompliziert:

1. Ein Weinglas ist niemals ganz voll oder ganz leer – leer heisst unter halbvoll

2. Wer einen Schluck Wein trinkt, spricht einen Segen oder Trinkspruch aus – diese reichen vom Dank für die Ernte, später Freunde, dann Familie, dann Eltern (lebende und tote) und können gern mal mehrere Minuten in Anspruch nehmen

3. Nach dem “Gaumarjos” wird das Glas erhoben, auf einen Zug leer getrunken und wieder aufgefüllt – wer seine Sinne beeinander behalten will, lässt sein Glas stehen. Das ist in Ordnung, aber Nippen nicht.

Beruhigend ist noch, dass die Gläser nur so in etwa einem Achtele entsprechen.

Danke, das war wunderschön

Der Wein aus den tönernen Gefässen schmeckt völlig anders als unser klarer durchsichtiger Weisswein. Er ist auch sehr viel dunkler. Ulrich erklärt den Geschmack etwa so: Wie Vinsanto nur nicht süss. Wir müssen mal sehen, ob er daheim schmeckt. Sicher bringen wir welchen mit, wenn wir heimkommen.

Gegen 18:00 leert sich die Tafel und auch der Hof. Mit der deutlichen Warnung doppelte Vorsicht auf der Heimfahrt walten zu lassen, da in der ganzen Region solche Feste gefeiert werden, machen wir uns auf den Weg zurück nach Tbilisi. Die Fahrt ist auch deutlich anstrengend und es gibt mehr als eine brenzlige Situation, die Ulrich aber ausgezeichnet meistert. Autofahren ist hier einfach die Hölle und sich die Strasse mit Betrunkenen zu teilen, macht die Sache auch nicht besser.

Mestia und Heimweg

Und schon bricht unser letzter Tag an. Naja so halbwegs, da wir den Heimweg wieder in zwei Etappen angehen.

Der Blick zurück in die Berge zeigt sich, wie kalt der letzte Tag und die Nacht waren. Ushguli ist bestimmt total verschneit.

So bleibt uns heute Morgen noch Zeit, endlich das Svaneti Museum zu besuchen während Ulrich sich um seine Vorlesungen kümmert. Lustigerweise gibt es in dem wirklich sehr interessanten historischen Museum gerade im Moment eine Sonderausstellung, die die Schweiz mit Georgien vergleicht. Die Gemeinsamkeiten sind ganz schön verblüffend…

Mittags machen wir uns auf den Weg. Wir möchten unterwegs noch herausbekommen, ob es auch andere Übernachtungsplätze auf dem Weg nach Mestia gibt, die sich für eine Reise mit dem Wohnmobil eignen. Es gibt davon eigentlich eine ganze Reihe am Rand der Strasse durch das Haupttal in Richtung Mestia. Wir entscheiden uns aber, wieder an dieselbe Stelle wie auf dem Hinweg zu fahren, weil die Aussicht einfach zu verführerisch ist.

Ushguli – Mestia

In der Nacht hat Regen eingesetzt und es ist richtig eklig draussen. Wieder bekommen wir ein reichhaltiges und gemütliches Frühstück in der Gaststube, während die Wirtefamilie sich schon mit der Vorbereitung des Nachtessens beschäftigt. Das scheint eine grössere Gruppe zu werden.

Ushguli im Regen

Um 10:00 holt uns Goga wieder ab und wir rumpeln zurück nach Mestia. Eigentlich sagt der weitere Tagesplan, dass wir nun die Stadt erkunden und verschiedene Museen besuchen wollen. Leider ist es so eklig draussen, dass wir uns nicht wirklich aufraffen können und die meiste Zeit im Gemeinschaftsraum des Bekos Garden Inn verbringen. Erst am Spätnachmittag mache ich mich mit den Kindern auf, das Svaneti Museum zu besuchen – nur um vor dessen Toren festzustellen, dass ich den Geldbeutel im WoMo vergessen habe…

Allerdings haben wir unterwegs einen Tisch im Restaurant Lushnu Quor reserviert, was sich als ausgezeichneter Hinweis von Marianna erweist. Wir geniessen ein wunderbares georgisches Nachtmahl in wunderschöner Atmosphäre.

Ushguli

Guten Morgen! Die Nacht war dunkel und ruhig wie schon lange nicht mehr. Frisch ausgeruht gehen wir auf 8:00 zum Frühstück, wo mir Ulrich eröffnet, dass er schon seit 6:30 wach ist und sich den Sonnenaufgang angeschaut hat – ich bin neidisch. Sonst fragt er für sowas immer nach.

Egal. Das Frühstück ist reichhaltig und lecker und wir haben heute etwas ganz Besonderes vor: Um 10:00 werden wir von einem Führer und 5 Pferden erwartet und reiten ins Tal in Richtung Gletscher. So kürzen wir die 9 km Wanderung auf 6 km Reiten und dann noch einen Spaziegang zum Shkhara-Gletscher.

Wenn man unsere Mädels so von hinten betrachtet, könnte man glatt den Eindruck erhalten, dass sie doch etwas gelernt haben in ihren dreimal Reitferien vor weiss der Geier wieviel Jahren. Auch meine zwei Reitstunden bei meiner lieben Schwester erleichtern mir die Sache erheblich – ich weiss immerhin, dass die Fersen an den Bauch gehören… Aber der arme Ulrich wird schwer durchgeschüttelt.

Gott sei Dank handelt es sich um sehr geduldige Pferde, die sich eher im Schritt fortbewegen als eine schnellere Gangart einzulegen und ausserdem wissen sie sehr genau, wo sie hin müssen. Schwierig wird die Sache nur, als sich mein rechter Steigbügel verabschiedet, weil er nicht etwa mit einer Gürtelschnalle eingestellt wird, sondern ca. 7 Knoten seine Länge bestimmen und der letzte davon sich gerade verabschiedet – jetzt ist nichts mehr mit festklammern, jetzt muss ich irgendwie dafür sorgen, dass der Steigbügel nicht von meinem Fuss rutscht.

Auf jeden Fall ist die Idee mit dem Ritt wirklich schön. Die Wanderung durch das Tal wäre eher langweilig gewesen, während wir so ein tolles Erlebnis hatten und trotzdem noch zu Fuss zum Gletschertor spazieren konnten. Ausserdem lässt im Laufe des Nachmittags das Wetter nach und wir sind ganz froh, dass wir auf dem Rückweg von unten gewärmt werden.

Zurück im Hotel machen wir eine kurze Pause – irgendwie habe ich ein Gefühl, als hätte ich übelste O-Beine und Laufen ist echt unangenehm – und dann gehen Lotte und ich ins „Kino“. Gezeigt wird der Film „DEDE“ – eine georgische Produktion in und um Ushguli. Inhaltlich sehen wir eine vorhersehbare Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte, in der aber viele alte Traditionen der Gegend verarbeitet sind. Ausserdem sind die Landschaftsaufnahmen und auch die Porträts der Schauspieler wunderschön – also zumindest fotografisch. DEDE ist vor 2 Jahren produziert worden und man sieht doch den oder die eine oder andere Schauspieler oder Schauspielerin im Dorf beim Kühe melken, Schweine eintreiben oder Katchapuri backen.

Zum besonderen Erlebnis wird der Kinobesuch vor allem, weil das „Kino“ im Erdgeschoss eines der Wehrtürme eingerichtet ist, aus drei Reihen terassenförmig zusammengeschraubter Bretterbänke mit alten Sofakissen besteht und die Vorführung von einem Laptop mit Beamer erfolgt, während der Sound aus zwei Brüllwürfeln eher minderer Qualität quillt. Wir frieren erbärmlich in zwei dünne Kunststoffdecken gehüllt und haben richtig viel Spass! Und dann muss man sich mal vorstellen: Seit zwei Jahren wird hier ein und derselbe Film fünf mal täglich gezeigt und ernährt eine Familie – das ist Nachhaltigkeit! Und soll ich Euch was sage: Wenn ich nochmal nach Ushguli käme, würde ich wieder reingehen und diesmal alle mitnehmen!

Als wir anschliessend in Hotel kommen, ist es kalt und ungemütlich – sieht so aus, als hätten wir den letzten warmen Tag dieses Jahres genossen. Danke Ushguli!

Auf nach Ushguli

Heute geht es in zwei Schritten nach Ushguli, dem am höchsten gelegenen, dauerhaft bewohnten Dorf Georgiens/ Europas – diese Ehre teilt sich Ushguli mit Juf in Graubünden.

Erst kämpfen wir uns mit dem Wohnmobil noch etwa 120 km über eine qualitativ gemischte Strasse nach Mestia, wo wir schon von Goga erwartet werden. Bei ihm dürfen wir das Wohnmobil im Garten stehen lassen und werden mit dem Jeep ins knapp 50 km entfernte Ushguli transportiert. Die ersten 35 km haben wir noch das Gefühl, dass das auch mit dem Wohnmobil machbar wäre. Dann kommen die letzten 15 km… Vielleicht kann man das so beschreiben: das WoMo wäre auf den ersten 10 m der letzten 15 km unweigerlich liegen geblieben.

Glücklich oben angekommen werden wir im Guesthouse Ushguli Maspindzeli abgeliefert und beziehen zwei hübsche, saubere Zimmer mit Dusche und WC. Strom gibt es gerade nicht, aber das ist wohl im Moment im ganzen Ort so. Das wird dann schon wieder.

Vor dem Abendessen haben wir noch Zeit für einen kleinen Spaziergang durch’s Dorf. Ushguli ist wunderschön. Traditionell hat jede Familie ihren eigenen Wehrturm. Ursprünglich gebaut zur Verteidigung des Dorfes und als Zufluchtsort im Angriffsfall, sind die Türme von Ushguli seit 1996 UNESCO Weltkulturerbe. Sie geben dem Dorf ein archaisches und trutziges Aussehen.

Neben den Touristen leben in Ushguli etwa 70 Familien das ganze Jahr über. Ihr Einkommen bestreiten sie wohl hauptsächlich aus dem Tourismus und ein bisschen Viehwirtschaft zur Fleischgewinnung und einem absoluten Minimum an Milchwirtschaft.

Das Besondere am hiesigen Tourismus ist der familiäre Umgang mit den Gästen. Oft scheinen die Hotels umgebaute Landwirtschaftsbetriebe, die Gastgeber alteingesessene Dorfbewohner. Die Milch zum Frühstück wird direkt vor dem Hoftor gemolken und der Vormittag wird damit verbracht, gemeinsam mit der Nachbarin Gemüse für’s Abendessen zu schnippeln, während der Herr des Hauses eine halbe Rinderhaxe zu Suppenfleisch verarbeitet – im Gastraum. Die schweizer Gastrohygieniker wären begeistert…