Weinernte in Kachetien

Heute ist ein besonderer Tag. In Georgien wird der letzte Erntetag gefeiert und wir sind zu Gias Familie nach Jimiti eingeladen worden, dort bei der Weinernte zu helfen und anschliessend am traditionellen Festmahl teilzunehmen.

Früh um 8:30 geht es auf nach Kachtien. Nach ca. 80 km biegen wir von der Hauptverbindungsstrasse direkt in den Acker ab.

Das Herbsten ist wie in Fischingen vor einigen Jahren noch. Eine bunte Truppe trifft sich mit Eimern, Küchenmessern und Rosenscheren und unter viel Gelächter, flappsigen Sprüchen und klebrigen Händen werden die prallen Trauben vom Stock geschnitten. Einziger Unterschied: Es ist trocken, warm und eben im Gegensatz zu matschig, kühl und steil…

Süss und prall und sonnengewärmt…

Nach immerhin einer halben Stunde werden wir zum ersten Piknik gebeten. Es gibt dieses wunderbare Steinofenbrot, Eier, Käse, Wurst, Tomaten, Hackfleischbällchen, Bohnensalat und gebratene Kartoffeln, dazu Wasser und Chachcha (ein Traubenschnaps). Ein schöner Brauch ist hier, dass man jedesmal bevor man einen Schluck Alkohol trinkt einen kurzen Dank sagt.

Frisch gestärkt ernten wir die nächsten zwei Stunden lang Trauben und fahren dann zu Gias Eltern auf den Hof. Die elektrische Maischmühle hat etwas Startschwierigkeiten, sodass wir erst noch einen Spaziergang zum nahegelegenen St. Georgs Kirchlein und geniessen die Aussicht über die Kachetische Ebene.

Die Kirche war ursprünglich das Ortszentrum bis die Dorfbewohner mehr oder weniger freiwillig dazu bewogen wurden ins Tal zu ziehen. Nun ist die Wiese, wo das ehemalige Jimiti stand mit kleinen Hütten übersäht. Diese erklären sich folgendermassen: Der Weinkeller jeder Familie ist das Herzstück des Hauses, so wie ihr Wein auch eine Art Visitenkarte darstellt. Gelagert wird der Wein in sogenannten Qvevri (grosse Tonamphoren), die für die Temperatur- und Feuchtigkeitsregulierung in die Erde eingelassen werden. Einer dieser Qvevri ist heilig. Dieser heilige Qvevri wurde nun vor Ort belassen, verschlossen und markiert so das ursprüngliche Haus seiner Familie. In jüngster Vergangenheit sind nun mehr und mehr Bewohner von Jimiti dazu übergegangen, diesen Qvevris wieder ein zu Hause zu errichten und sie teilweise angeblich sogar wieder mit Wein zu bestücken. Es ist so auch offiziell erlaubt, sich aus einem gefüllten Qvevri mit Wein zu bedienen.

Zurück auf dem Hof werden wir wiederum zwei Stunden später verköstigt. Das Essen ist wieder eine Gelegenheit sich sauber zu blamieren. In Georgien läuft das so ab: Man kommt an den reich gedeckten Tisch und isst los. So ungefähr gleichzeitig, aber einfach, wenn man sitzt. Wasser darf man auch trinken. Dann wird Wein ausgeschenkt und jetzt wird es kompliziert:

1. Ein Weinglas ist niemals ganz voll oder ganz leer – leer heisst unter halbvoll

2. Wer einen Schluck Wein trinkt, spricht einen Segen oder Trinkspruch aus – diese reichen vom Dank für die Ernte, später Freunde, dann Familie, dann Eltern (lebende und tote) und können gern mal mehrere Minuten in Anspruch nehmen

3. Nach dem “Gaumarjos” wird das Glas erhoben, auf einen Zug leer getrunken und wieder aufgefüllt – wer seine Sinne beeinander behalten will, lässt sein Glas stehen. Das ist in Ordnung, aber Nippen nicht.

Beruhigend ist noch, dass die Gläser nur so in etwa einem Achtele entsprechen.

Danke, das war wunderschön

Der Wein aus den tönernen Gefässen schmeckt völlig anders als unser klarer durchsichtiger Weisswein. Er ist auch sehr viel dunkler. Ulrich erklärt den Geschmack etwa so: Wie Vinsanto nur nicht süss. Wir müssen mal sehen, ob er daheim schmeckt. Sicher bringen wir welchen mit, wenn wir heimkommen.

Gegen 18:00 leert sich die Tafel und auch der Hof. Mit der deutlichen Warnung doppelte Vorsicht auf der Heimfahrt walten zu lassen, da in der ganzen Region solche Feste gefeiert werden, machen wir uns auf den Weg zurück nach Tbilisi. Die Fahrt ist auch deutlich anstrengend und es gibt mehr als eine brenzlige Situation, die Ulrich aber ausgezeichnet meistert. Autofahren ist hier einfach die Hölle und sich die Strasse mit Betrunkenen zu teilen, macht die Sache auch nicht besser.

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